Es grassiert durch den deutschsprachigen Raum wie eine Weichspüler-Seuche.
Verführerisch lockend mit einer zarten intellektuellen Spiri-Note – aalglatt, süss und nett.
Kein Gespräch, kein Post, kein Workshop kommt mehr an unserem hochansteckenden Zauberwort vorbei:
dürfen.
Der einzige Haken:
So inflationär verwendet, löscht es schleichend aber erbarmungslos die so dringend benötigte Klarheit und Haltung des Individuums aus.
Das darf ich noch lernen.
Ich durfte erkennen.
Ich darf jetzt loslassen.
Und ja. Es war unserem entspannten Wohlbefinden äusserst zuträglich, uns zunächst darüber bewusst zu werden, dass wir längst nicht mehr alles müssen:
Wir müssen nichts lernen.
Wir müssen nicht einkaufen.
Wir müssen uns auch nicht aufregen.
Und wir müssen nicht zur Arbeit gehen.
Wir müssen auch keine Steuern bezahlen – sofern wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.
Warum reicht es nicht, einfach das MÜSSEN wegzulassen, anstatt es mit einem „DüRFEN“ zu überzuckern?
Nur weil wir nicht mehr alles müssen, müssen wir doch nicht alles dürfen. Zudem hat es sich in jeden zweiten Satz eingeschlichen, auch wenn zuvor weit und breit kein MÜSSEN im Raum stand.
Jetzt haben wir den Dürfen-Salat!
Ich darf in den Urlaub fahren.
Ich darf gut für mich sorgen.
Ich darf einen Kurs leiten.
Und. Wie fühlst du dich wirklich, wenn du alles nur noch darfst?
Ist es wahrhaftig förderlich, kräftigend und bestärkend in der jeweiligen Situation?
Oder schwächt es dich subtil und dauerhaft?
Wie aufrichtig ist Deine Haltung, wenn du ein „dürfen“ einschiebst?
Wie kraftvoll deine Intention? Sofern überhaupt vorhanden.
„Das darf ich noch lernen.“
Lernst du es? Oder ist es ein Lippenbekenntnis?
„Das darf ich loslassen.“
Bist du dazu bereit – oder ist dürfen gerade bequemer?
Hast du dir nebenbei genauso die Erlaubnis erteilt, noch ein wenig festzuhalten?
Worum geht es wirklich bei diesem Dürfen?
Zu feige?
Zu bequem?
Zu wenig wichtig?
Angst vor der Reaktion, vor den Konsequenzen?
Selbst wenn es sich unabsichtlich eingeschlichen hat in Deinen Sprachgebrauch – unterschätze niemals seine potenziell weichspülende Wirkung.
Wir machen uns gerne «lustig» oder regen uns auf darüber, dass in gewissen Kultur- und Alterskreisen jeder Satz mit „Mann“, „Bro“ oder „Alter“ endet.
„Dürfen“ ist zum Glück eine ganz andere Liga:
Bewusst, spirituell, intellektuell hochwertig – und überhaupt pure Alchemie.
Es kann den grössten Sch… in Gold verwandeln. Es ist ist aus einem anständigen und erfolgreichen Leben einfach nicht mehr wegzudenken – ja, es macht den Alltag erst richtig glatt und flott:
„Ich durfte die Kündigung entgegennehmen.“
„Ich durfte eine Busse bezahlen.“
„Ich durfte mir anhören, wie XY …“
Stopp. Haben wir jetzt endlich ausgedürft?
Zumindest dann, wenn es ohne viel klarer und kraftvoller wirkt.
Und das ist zu 99 % der Fall.
Ich lerne. Oder eben nicht.
Ich lasse los. Oder halte noch fest.
Ich habe erkannt. Oder – ich sehe es zwar, aber will es nicht wahrhaben.
Ich habe mir angehört, wie XY sich über Z ausgelassen hat – anstatt zu intervenieren.
Danke, dass du bis hierher gelesen hast.
Ich musste das schreiben 😊 – von ganzem Herzen.
Weil dieses verführerische «dürfen» subtil an der individuellen Klarheit, an unserer Intention und an unserem wundesten Punkt – an unserem Rückgrat – nagt.
Ich wünsche mir, dass wir wieder klar ausdrücken, was uns wirklich bewegt, was uns auf den Wecker geht (die verd… Busse zum Beispiel) und wofür wir bereit sind einzustehen.
Und auch, wo wir uns noch drum herumdrücken.
Nicht perfekt. Dafür echt.
Enjoy the ride.
