Es wütet aktuell eine sprachliche Weichspüler-Seuche im deutschsprachigen Raum.
Kein Gespräch, kein Post und erst recht kein Workshop kommt mehr an unserem hochansteckenden Zauberwort vorbei:
dürfen.
Doch nur weil es so aalglatt und nett daherkommt, ist es nicht automatisch auch zuträglich für ein wahrhaftig freudvolles Leben.
So inflationär verwendet, löscht es schleichend aber erbarmungslos die so dringend benötigte Klarheit und Haltung des Individuums aus.
Das darf ich noch lernen.
Ich durfte erkennen, dass…
Ich darf das jetzt loslassen.
Und natürlich ist es unserem Wohlbefinden zuträglich, uns bewusst zu werden, dass wir längst nicht mehr alles müssen: nichts lernen, nicht einkaufen, uns nicht mal aufregen – nicht einmal zur Arbeit gehen müssen wir. Sogar Steuern müssen von uns nicht bezahlt werden, sofern wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.
Doch nur weil wir nicht mehr alles müssen, müssen wir doch nicht alles dürfen.
Insbesondere gilt es auf dem Schirm zu haben, wie dieses verführerische «dürfen» subtil an der individuellen Klarheit, an unserer Intention und an unserem wundesten Punkt – an unserem Rückgrat – nagen kann, wenn wir nicht achtsam damit umgehen. Deshalb lade ich Dich ein in den nächsten Tagen gründlich zu beobachten:
Wie fühlst du dich wirklich, wenn du alles nur noch darfst?
Ich darf in den Urlaub fahren.
Ich darf gut für mich sorgen.
Ich darf einen Kurs leiten.
Ist es wahrhaftig förderlich, kräftigend und bestärkend in der jeweiligen Situation?
Oder schwächt es dich subtil und dauerhaft?
Oder hat es sich zusätzlich dort eingeschlichen, wo es etwas „eher Unangenehmes“ zu „überspielen“ gilt?
„Ich durfte die Kündigung entgegennehmen.“
„Ich durfte eine Busse bezahlen.“
„Ich durfte mir anhören, wie XY sich über Z lustig gemacht hat …“
Selbst wenn es sich unabsichtlich eingeschlichen hat in Deinen Sprachgebrauch. Unterschätze niemals seine potenziell weichspülende Wirkung und stelle Deinen Umgang damit auf den Prüfstand:
Lässt Du tatsächlich los, oder „darfst“ Du nur, tust es aber nicht?
Sorgst Du wirklich gut für Dich, oder „darfst“ Du es gerade aufschieben?
Ich habe mir angehört, wie XY sich über Z ausgelassen hat – anstatt klar und integer zu intervenieren.
Danke, dass du bis hierher gelesen hast.Ich musste das schreiben 😊 – von ganzem Herzen.
Ich wünsche dir und mir, dass wir wieder klar ausdrücken, was uns wirklich bewegt, was uns auf den Wecker geht (die verd… Busse zum Beispiel) und wofür wir bereit sind einzustehen.
Und auch, wo wir uns noch drum herumdrücken.
Enjoy the ride.
